Weiss KI besser, wer wir sind als wir selbst, bezogen mit Kafkas Roman der Prozess

10. Februar 2026

Weiss KI besser, wer wir sind, als wir selbst – bezogen auf Kafkas Roman Der Prozess?

Im Deutschunterricht haben wir uns mit dem Roman ‘’Der Prozess’’ intensiv auseinandergesetzt. Der Roman beginnt mit der Szene, dass Josef K. (ein Prokurist), an seinem 30. Geburtstag ohne Anklage oder Begründung verhaftet wird, jedoch ohne direkte Konsequenzen. Er darf weiterleben, weiterarbeiten, doch der Prozess läuft währenddessen.

Zentral war im Unterricht, dass das Gericht nicht wie ein normales Gericht in einem Justizsystem funktioniert. Das Gericht hat verschiedene Merkmale und Funktionen. Z.B. ist das Gericht ziemlich schwierig zu finden für Josef K. Denn das Gericht wird für K immer wie schwieriger zu finden, wenn er sich versucht mit dem Gericht auseinander zusetzten. Und wenn er sich nicht mehr mit dem Gericht rational auseinandersetzt, dann findet er das Gericht schneller. Das Gericht hat also die Eigenschaft K. sich anzunähern oder zu entfernen. Es ist ausserdem anonym und zum Teil in Dachböden untergebracht. Wie bereits erklärt ist das Gericht schlecht zugänglich, aber auch widersprüchlich organisiert, dennoch allmächtig. Im Roman werden Entscheidungen getroffen, ohne erklärt zu werden. Es existiert dem Anschein nach, dass eine Schuld vorhanden ist, sie ist jedoch nicht benennbar. Dieses Gericht reagiert nicht eigenständig, sondern orientiert sich stark nach K.’s Verhalten. Dadurch entsteht der Eindruck, dass das Gericht weniger von aussen auf K. einwirkt, sondern vielmehr sein inneres Schuldgefühl nach aussen verlagert. Das sind sogenannte Spiegelfunktionen des Gerichts. Es widerspiegelt das innere von K. Das Gericht hat bereits längstens entschieden, dass K. eine Schuld trägt und tief in seinem Unterbewusstsein weiss es, dass er eine sexuelle Schuld in sich trägt, die er aber nicht akzeptieren will. Deshalb sucht er immer eine Bestätigung von externe Menschen, die ihm sagen sie glauben, dass er unschuldig sei. Er lehnt das Gericht ab, unterwirft sich diese jedoch. Man kann erkennen, dass er eine sexuelle Schuld mit sich trägt, den im Roman kommen immer weibliche Figuren vor, wenn sich K. mit dem Gericht auseinandersetzt. Traumartige Handlungselemente – etwa räumliche Unlogik, Gleichzeitigkeit oder das schnelle Vorausgehen anderer Figuren – verstärken diesen Eindruck. Das Gericht folgt dabei keiner rationalen Ordnung, sondern einer Traumlogik, wie man sie aus dem Unbewussten kennt. Entscheidend ist zudem die Erzähltechnik. Kafka verwendet eine radikale personale Perspektive, auch als einsinniges Erzählen bezeichnet. Der Leser erfährt ausschliesslich, was Josef K. wahrnimmt, denkt oder interpretiert. Beziehungen zwischen anderen Figuren bleiben unzugänglich, Motive können nur vermutet werden. Diese Perspektive erzeugt eine gewisse Identifikation mit K., obwohl sein Verhalten zunehmend widersprüchlich wirkt.

System weiss besser wer wir sind als wir selber

Diese Strukturen, die vorher genannt wurden, lassen sich gut mit dem Film Minority Report vergleichen. Auch dort entscheidet ein System über Schuld, bevor eine Tat begangen wurde. Menschen werden verhaftet, nicht aufgrund von Beweisen, sondern aufgrund von Prognosen. Diese Entscheidungen werden von drei Frauen getroffen, die besondere Gaben haben, Morde, die in der Zukunft begangen werden, vorzeitig zu sehen.

Das System in Minority Report übernimmt genau jene Funktionen, die auch Kafkas Gericht auszeichnen. Sowohl das Gericht in Der Prozess als auch das System in Minority Report sind Instanzen, die Schuld zuschreiben, ohne klare Begründung, den es trifft Entscheidungen, es definiert Schuld und ist nicht unbedingt nachvollziehbar

Der Einzelne kann sich kaum gegen das System wehren, weil es als neutral und objektiv gilt. Wenn jemand Zweifel äußert oder das System hinterfragt, wirkt das schnell unlogisch oder sogar verdächtig. Ähnliches erleben wir heute im Alltag: Algorithmen entscheiden zum Beispiel darüber, ob man einen Kredit bekommt, zu einem Job eingeladen wird oder als Risiko gilt. Oft weiß man nicht, nach welchen Regeln diese Entscheidungen getroffen werden. Die Verantwortung liegt nicht mehr bei einzelnen Menschen, sondern wird an technische Systeme abgegeben.

Hier wird Kafka aktuell. Sein Gericht ist keine Fantasie, sondern eine literarische Darstellung dessen, was passiert, wenn Bürokratie und Zweckrationalität überhandnehmen. Schuld entsteht nicht mehr aus einer Tat, sondern aus Abweichung vom System. Wie bei Josef K. führt das nicht zu Rebellion, sondern zu Anpassung, Verunsicherung und Selbstzweifel.

Ein entscheidender Unterschied bleibt jedoch: Minority Report bietet eine Auflösung und korrigiert das System. Kafka verweigert genau das. In Der Prozess gibt es keine Erlösung und keine klare Wahrheit. Gerade diese Konsequenz macht den Roman radikaler und näher an der psychologischen Realität moderner Gesellschaften.

in weiterer Unterschied zwischen Menschen und System zeigt sich darin, dass der Mensch nicht jeden Tag mit sich selbst identisch ist. Menschen handeln situativ, widersprüchlich, emotional oder auch gegen ihre eigenen Überzeugungen. Manchmal folgt man nicht seiner „Baseline“, sondern reagiert aus Überforderung, Angst oder innerem Konflikt. Gerade diese Inkonsistenz gehört zum Menschsein.

Moderne KI- und Entscheidungssysteme funktionieren jedoch anders. Sie sind darauf angewiesen, Muster zu erkennen und stabile Verhaltensprofile zu erstellen. Abweichungen werden nicht als Ausdruck menschlicher Komplexität verstanden, sondern als Risiko, Unzuverlässigkeit oder potenzielle Schuld. Das System „weiss“ dadurch scheinbar besser, wann jemand „er selbst“ ist und wann nicht.

Auch hier lässt sich eine klare Verbindung zu Kafka herstellen. Das Gericht in Der Prozess berücksichtigt keine einzelnen Situationen oder Erklärungen. Josef K. wird nicht nach konkreten Handlungen beurteilt, sondern nach einem allgemeinen Eindruck seiner Person. Schuld entsteht dadurch nicht aus einer Tat, sondern daraus, dass man nicht den Erwartungen des Systems entspricht. Kafka macht damit früh ein Problem sichtbar, das heute durch KI noch stärker wird: Systeme erwarten eindeutiges und gleichbleibendes Verhalten, während Menschen widersprüchlich sind. Wer diesem Anspruch nicht genügt, muss sich ständig rechtfertigen. Genau das passiert bei Josef K., der immer mehr versucht, sich zu erklären, anstatt sich selbst zu hinterfragen.